Die Geschichte der Volksbank Enger-Spenge
Der heimische Raum Enger-Spenge hat nach Meinung der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit den Sattelmeiern des Sachsenherzog Widukind den "ältesten Adel Europas". Eine über tausendjährige Geschichte, kostbare Kunstschätze und bedeutende Wirtschaftsunternehmen. Aber nicht nur das: Das Sattelmeierland von Enger und Spenge besitzt auch eine besonders traditionsreiche genossenschaftliche Bank. Die Volksbank Enger-Spenge eG. Gründungstag 12. Nov. 1884
Einer für alle - alle für Einen!
Die Volksbank Enger-Spenge eG ist jetzt also schon über 120 Jahre alt (bzw. jung).
Der frühere Engerer Spar- und Darlehnskassenverein eGmuH war gerade ein paar Wochen alt. Als die Spenger Bürger ebenfalls eine genossenschaftliche Ortsbank aufmachten. Und zwar den "Spenger Spar- und Darlehnskassenverein eingetragene Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht". Das alles firmiert heute unter Volksbank Enger-Spenge eG. Eine große genossenschaftliche Familie von über 10.000 Mitgliedern und 20.000 Kunden. Zugegeben der Name hat sich im Laufe der zurückliegenden 100 Jahre einige Male geändert. Aber: Die Motive des Handelns blieben stets dieselben: Selbsthilfe, Gegenseitigkeitshilfe, Selbstverwaltung und Staatsunabhängigkeit charakterisieren die "Seele des Geschäfts". Hauptziel: Hilfe nicht nur, wenn es um Geldangelegenheiten geht, sondern darüber hinaus wirtschaftliche und persönliche Förderung aller Mitgliedern nach Gesetz und Satzung. Als die Spar- und Darlehnskassen Enger und Spenge vor 100 Jahren ihre Arbeit aufnahmen, gab es im östlichen Westfalen viel Not. In Enger-Spenge standen Landwirtschaft, Handwerk und Handel allerdings nicht ganz so elend da, wie beispielsweise in den benachbarten "Spinn- und Webkreisen Lübbecke und Minden. Das Kaiserreich befand sich, nach dem 71er Sieg über Frankreich, auf dem Höhepunkt seiner Macht. Reichskanzler von Bismarck errichtete die ersten deutschen Kolonien in Afrika, Daimler präsentierte seinen Otto-Motor und der deutsche Auswanderer Mergenthaler revolutionierte die Druckkunst durch seine erste mechanische Setzmaschine ("Linotype"). Die Bevölkerung wuchs, die Wirtschaft blühte auf. Handel und Wandel entwickelten sich. In dieser Zeit traten Hermann Schulze-Delitsch (1808-1883) und Friedrich-Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) mit ihren umwälzenden genossenschaftlichen Programmen an. Um den Landwirten, Handwerkern, Kaufleuten, Arbeitern und Angestellten in finanziellen Belangen zur helfen. Diese sollten durch gemeinsames Tun nach dem Grundsatz "Vereint sind auch die Schwachen mächtig" kreditfähig gemacht werden. Zusammenschluß der Interessen aller in freier Selbstbestimmung. Motto: Ein Mitglied eine Stimme. Unabhängig von Rang, Vermögen und Ansehen! So entstanden 1884 und Anfang 1883 in Enger und Spenge die ersten genossenschaftlichen Kreditinstitute innerhalb der damaligen Kreise Herford, Lübbecke und Minden. Ihnen folgten in den 80er Jahren mehr als ein Dutzend weitere Gründungen . Was die Gründer der heutigen Volksbank Enger-Spenge eG erreichen wollten, war Staatsunabhängigkeit und Wegfall der Bevormundung durch Staat und Gesellschaft im privatwirtschaftlichen Bereich. Heute sagen wir dazu "soziale Marktwirtschaft", in der sich jeder unter gleichen Voraussetzungen frei betätigen darf. Also: Weg vom Protektionismus und fort von geistiger und monetärer Bevormundung. Keine Almosen, sondern freie Bahn für den Einsatz der eigenen Kraft. Kurz gesagt: Selbsthilfe statt Staatshilfe!
Hierzu mußte der "kleine Mann" jedoch nicht nur politisch frei, sondern auch kreditfähig sein, um Neues anpacken zu können. Die Sozialreformer Raiffeisen und Schulze-Delitzsch erfanden den genossenschaftlichen Personalkredit. Basis: Die zunächst unbeschränkte Haftpflicht aller Mitglieder füreinander. Auch in Enger und Spenge. Um für den genossenschaftlichen Verbund die genügenden Sicherheiten zu bieten. Ob Sattelmeier oder Einspinnerhof, ob Hausmann, Kötter oder Arbeiter: Alle verbürgten sich bei der Gründung unserer Genossenschaftsbanken für die neue Idee und Ihre Zukunft. Einzige Sicherheit für die Bürgen: Das Vertrauen in die Solidarität der anderen! Draußen im Lande, rings um Münster und im Bergischen. Bei Paderborn und im Sauerland, bestanden an der Schwelle des Jahre 1884 auf 1885 bereits mehr als 20 genossenschaftliche Kreditinstitute. Bauernführer von Schorlemer-Alst hatte die Idee Raiffeisens in Westfalen eingeführt und für sie überall im Lande geworben. Durch einige Bauern aus Enger und Spenge kam die Parole "Selbsthilfe statt Staatshilfe" auch in unserem Kreis Herford. Im benachbarten Bielefeld war schon 1861 eine Kreditgenossenschaft entstanden: Die heutige Volksbank Bielefeld. Sie ist tatsächlich die älteste Kreditgenossenschaft Westfalens. Nur waren ihre Aktivitäten weniger auf Landwirtschaft und kleine Leute. als weitgehend auf Handel und Handwerk in der aufblühenden Leinemetropole ausgerichtet. Die Erschließung des "flachen Landes" und dazu zählte der Raum Enger-Spenge blieb den Raiffeisenkassen vorbehalten. Sie firmierten Dank des westfälischen Genossenschaftsbegründers Haas in der ganzen Provinz als "Spar- und Darlehnskassen-Verein eGmuH".


